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Shany Mor: Die UNO verdreht die Bedeutung der Nakba: Ihre Sicht auf den israelisch-palästinensischen Konflikt ist extrem einseitig
Am 15. Mai 2023 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen erstmals eine Sonderveranstaltung zum Nakba-Tag abgehalten, einschließlich einer „besonderen Gedenkfeier“ im UNO-Hauptquartier in New York. Der von dem syrischen Intellektuellen Constantin Zureiq geprägte Begriff Nakba – arabisch für „Katastrophe“ – wird verwendet, um die Ereignisse von 1948 zu beschreiben, die zur Gründung des Staates Israel führten, und ist heute ein Synonym für Vorstellungen von israelischer Grausamkeit und die Zersplitterung der palästinensischen Gesellschaft. Die Nakba, die Zureiq in seinem Buch Ma’na an-Nakba (Die Bedeutung der Katastrophe) aus dem Jahr 1948 beschreibt, war jedoch das Scheitern der Araber, die Juden zu besiegen, und ist weit entfernt von dem irreführenden Geschichtsbild, das die UNO-Website bietet. „Sieben arabische Staaten erklären dem Zionismus den Krieg, stehen ihm ohnmächtig gegenüber und machen dann auf dem Absatz kehrt“, schreibt Zureiq. Bezüglich der vertriebenen palästinensischen Araber ist es bemerkenswert, dass seine Sorge darin besteht, dass sie „gezwungen sein könnten, in ihre Heimat zurückzukehren, um dort unter dem zionistischen Schatten zu leben“. Er beklagt, dass „die Zerstreuung eher das Los der Araber als das der Juden geworden ist“.
Umdeutung – von der militärischen Niederlage zur menschlichen Tragödie
Damit hat die heutige Verwendung des Wortes Nakba nicht mehr viel zu tun. Die arabische Niederlage wird als palästinensische Tragödie, der Konflikt als einseitiges historisches Verbrechen und der gefährliche Überlebenskampf der Juden als kolonialistisches Bestreben nach rassischer Vorherrschaft umgedeutet.
Der Historiker Wolfgang Schivelbusch hat dargestellt, wie eine traumatische Niederlage zu einem großen moralischen Sieg umgemodelt werden kann. Das klassische Beispiel hierfür ist die Konföderation der amerikanischen Südstaaten (1861–1865). Dieser eigentlich verräterische Akt der Abspaltung von den Vereinigten Staaten, der der Bewahrung und weiteren Verbreitung der Sklaverei diente, wandelte sich zur Lost Cause, dem Verlust der südstaatlichen Traditionen durch den räuberischen und ausbeuterischen kapitalistischen Norden.*
Erklärung des 15. Mai zum Nakba-Gedenktag der PA; Übernahme durch die UNO
Die politische Entwicklung des Wortes Nakba in den Jahrzehnten nach 1948 ist die Geschichte der Umgestaltung einer Niederlage in eine Ungerechtigkeit. Zum Höhepunkt dieses Prozesses kam es 50 Jahre später im Jahr 1998, als die neu gegründete Palästinensische Autonomiebehörde den 15. Mai, den Tag, der am meisten mit der Nakba in Verbindung gebracht wird, zu einem offiziellen nationalen Gedenktag machte, der von pro-palästinensischen Parteigängern sogleich eifrig übernommen wurde.
Die Verwandlung des gescheiterten Versuchs der Araber, den jüdischen Staat auszulöschen, in ihre eigene Tragödie kosmischen Ausmaßes sowie die Übernahme dieser Gegenerzählung durch Intellektuelle und selbsternannte Menschenfreunde im Westen ist an sich schon bemerkenswert. Dass die UNO und insbesondere die Generalversammlung dabei mitspielen, ist jedoch aus mehreren Gründen von besonderer Ironie. Der arabische Krieg gegen Israel war ein Krieg gegen eine bahnbrechende Resolution der UNO-Generalversammlung (181), in der die friedliche Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat gefordert wurde. Dass die Generalversammlung selbst diese Niederlage nun als „Katastrophe“ bezeichnet, der es zu gedenken gilt, ist gelinde gesagt merkwürdig.
Verstoß der arabischen Koalition gegen die UNO-Charta durch den Krieg 1948
Es handelte sich dabei um den ersten großen Verstoß gegen Artikel 2 der Charta der Vereinten Nationen, der die „Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Staates“ verbietet. Fünf der sieben arabischen Staaten, auf die sich Zureiq bezieht, waren damals UNO-Mitglieder. Indem die arabische Koalition 1948 gegen die UNO-Charta verstieß und gewaltsam die Umsetzung der Resolution 181 zu verhindern trachtete, versuchte sie auch, die erste große UNO-Initiative zur Friedensstiftung in einem internationalen Konflikt zu blockieren. Mehr noch: Mit ihrem Kampf gegen die Teilung leisteten die arabischen Armeen auch gewaltsam Widerstand gegen das erste nennenswerte Bestreben der UNO nach Entkolonialisierung. Schließlich stellte die Teilungsresolution die Schaffung souveräner, selbstverwalteter Nationalstaaten in den von einer europäischen imperialen Macht geräumten Gebieten in Aussicht.
Ausschließliches Gedenken an Vertreibung ist einseitig
Das heutige Gedenken der UNO gilt nur einem Aspekt dieses Krieges, nämlich der durch ihn verursachten Massenvertreibung, und nur einer Seite. Und auch hier liegt eine weitere Ironie begraben. Vertreibung im Krieg war damals wie heute nichts Ungewöhnliches. In den späten 1940er Jahren wurden Millionen von Menschen durch den Krieg vertrieben, darunter besiegte Deutsche und Hunderttausende von jüdischen Holocaust-Überlebenden in Mitteleuropa, aber auch Hindus und Muslime nach der Teilung Indiens. Nur für die palästinensischen Araber wurde jedoch eine eigene UNO-Hilfsorganisation geschaffen, die sich zudem der Aufrechterhaltung ihres Flüchtlingsstatus widmet, anstatt sich um ihre Eingliederung zu bemühen. Denn genau das tut das „Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten“ (UNRWA).**
Eigener UNO-Gedenktag zum Teilungsbeschluss seit 1977
Die Entscheidung, den 15. Mai als Nakba-Tag zu begehen, zeigt, in welchem Maße sich die Mythologie der arabischen Niederlage von 1948 unabhängig von der obsessiven Aufmerksamkeit der UNO für die palästinensische Sache entwickelt hat. Immerhin haben die Vereinten Nationen bereits einen anderen Tag im Jahr auserkoren, um dem Kampf der Palästinenser zu gedenken. Im Jahr 1977 erklärte die Generalversammlung den 29. November, das Datum des ursprünglichen Teilungsbeschlusses von 1947, zum „Internationalen Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk“, und dieser Tag ist nach wie vor eine der wichtigsten jährlichen Veranstaltungen der Organisation.
Die beiden gewählten Daten sprechen Bände über die Tragödie der palästinensischen Sache. Die Annahme des Teilungsplans hätte vor 75 Jahren zum ersten arabischen Staat in Palästina überhaupt geführt. Die Ablehnung der Teilung vonseiten der Araber und die darauffolgenden Kriege gegen Israel und schließlich die gesamte Region waren für die Palästinenser die eigentliche Katastrophe.
* Wolfgang Schivelbusch: Die Kultur der Niederlage. Der amerikanische Süden 1865, Frankreich 1871, Deutschland 1918. Berlin 2001.
** Die „United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East“ ist ein temporäres Hilfsprogramm der Vereinten Nationen mit Hauptsitzen in Gaza und Amman. Es existiert seit 1949 und wird seitdem alle drei Jahre verlängert.
Shany Mor ist Forschungsdirektor bei United Nations Watch und Fellow am Institute for Liberty and Responsibility an der Reichman-Universität in Herzliya, wo er auch als Dozent für politische Theorie tätig ist. Er hat an der Universität Oxford promoviert und war Postdoktorand am Political Theory Project der Brown University. Er war außerdem Direktor für Außenpolitik im Nationalen Sicherheitsrat Israels und ist Spezialist für die Beziehungen zwischen Israel und Europa sowie zwischen Israel und den USA. Neben seiner Arbeit als Forscher und Politikberater verfasst er regelmäßig Artikel und Analysen u.a. für Newsweek, Le Monde, Haaretz, Fathom, Daily Beast, Times of Israel, Jerusalem Post. Der Beitrag „The UN is Distorting the Meaning of the Nakba” erschien im Original am 15. Mai 2023 auf UnHerd (unherd.com).