Jeffrey Herf: Israel ist antirassistisch, antikolonial und antifaschistisch (und zwar von Anfang an). Die Gründung Israels war kein Wunder, sondern das Ergebnis enormen moralischen und militärischen Mutes

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Das berühmte Zitat aus George Orwells 1984 könnte auch für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nahen Ostens – wie bei vielen anderen Themen – in der heutigen akademischen Welt gelten. Ideologisch angetriebene Professoren haben versucht, 1948, dem Gründungsjahr Israels (und dem Jahr, in dem 1984 größtenteils geschrieben wurde), eine Version der Ereignisse aufzuzwingen, die nicht mit den Fakten übereinstimmt. Sie taten dies mit dem Ziel, die Kontrolle über die Zukunft zu gewinnen, indem sie in der öffentlichen Wahrnehmung ein Bild von Israel als Produkt des neokolonialistischen, amerikanischen Imperialismus prägten.​

Wie ich in meinem Buch Israel’s Moment darlege, könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein. Wenn es uns ernst damit ist, das aktuelle Anti-Israel-Narrativ an den Universitäten, in den Think Tanks, auf den Leitartikelseiten der Zeitungen und in anderen tonangebenden Institutionen anzufechten, müssen wir die moderne, säkulare Natur der zionistischen Gründergeneration in Erinnerung rufen und diese Erzählung korrigieren. 

Was ist die eigentliche Wahrheit über die Gründung Israels, insbesondere hinsichtlich der ausländischen Akteure, die diese unterstützt haben? 

​Im Wesentlichen ist es so: Der jüdische Staat war das Projekt der antifaschistischen, antirassistischen, antikolonialistischen und antiimperialistischen Linken, einschließlich der Sowjetunion. Die Entscheidungsträger im amerikanischen und britischen außenpolitischen Establishment standen der Gründung Israels fast durchweg ablehnend gegenüber, mit der wichtigen Ausnahme von Präsident Harry Truman und zweitrangigen Beratern wie Clark Clifford. Wäre es nach dem britischen Außenministerium oder dem US-amerikanischen Außen- und Verteidigungsministerium und der CIA gegangen – den üblichen Übeltätern des westlichen Imperialismus – wäre der jüdische Staat eine Totgeburt geworden. 

​Diese Tatsachen werden heute weitgehend vergessen oder verschwiegen, nicht nur von den üblichen Kritikern Israels auf der äußersten Linken, sondern auch von vielen seiner Befürworter links und rechts der Mitte, die das Ausmaß von Trumans Unterstützung überbewerten und den Beitrag der Sowjetunion als unbedeutend hinstellen. Zwar gelang es den amerikanischen Außenpolitikern nicht, ihren Präsidenten Truman von seiner Unterstützung der Gründung Israels abzubringen, doch konnten sie ihn dazu bewegen, dass er von November 1947 bis Mai 1948 ein „neutrales“ UNO-Waffenembargo befürwortete, von dem sie annahmen, dass es die Gründung Israels entweder verhindern oder den Staat unmittelbar in seinen Anfängen zerstören würde. Ihr neutrales Embargo war allerdings überhaupt nicht neutral: Die Juden hatten weder einen Staat noch Waffen, um ihn zu verteidigen; die sie umgebenden arabischen Staaten hatten beides. Wie David Ben-Gurion dem ersten US-Botschafter in Israel sagte: Die Juden wären ausgerottet worden, wenn sie für ihr Überleben von den Vereinigten Staaten abhängig gewesen wären.

​Warum war die US-amerikanische Administration 1947 so entschieden gegen das zionistische Projekt? Im Gegensatz zum gängigen Mythos war die Ablehnung nie nur die Ansicht der sogenannten „Arabisten“ im Außenministerium. Sie wurde sowohl von Außenminister George Marshall als auch von dessen führenden Mitarbeiter George Kennan geteilt, die beide in einem jüdischen Staat in Palästina eine Bedrohung für den Zugang der USA und des Westens zum arabischen Öl und eine Beförderung der sowjetischen Expansionsbestrebungen im Nahen Osten sahen. Schließlich war es das Jahr, in dem die Vereinigten Staaten in enger Zusammenarbeit mit Großbritannien eine Politik der Eindämmung des Kommunismus in Europa und im Nahen Osten vorantrieben. Die Unterstützung des Sowjetblocks für die Zionisten verstärkte den Verdacht der Briten und Amerikaner, dass ein jüdischer Staat den Interessen der sowjetischen Expansion im Nahen Osten nützen würde. 

​Wie die „Palästina-Akten“ des Außenministeriums aus den Jahren 1945 bis 1949 zeigen, befürchteten amerikanische und britische Geheimdienstler, dass eine große Zahl der jüdischen Flüchtlinge aus Europa, die nach Palästina gelangten, sich zu kommunistischen Agenten entwickeln. Marshall ernannte Kennan im Januar 1947 zum ersten Direktor des Planungsstabs (Policy Planning Staff). Kennan ist als Verfasser wichtiger Memoranden bekannt, in denen er sich für die Eindämmung des sowjetischen Expansionismus (Containment-Politik) ausspricht. Seine Rolle bei der Formulierung der amerikanischen Position zu einem jüdischen Staat ist dagegen weniger bekannt. In seinem „Report by the Policy Planning Staff on Position of the United States with Respect to Palestine“ (Bericht des politischen Planungsstabs über die Position der Vereinigten Staaten zu Palästina) vom Januar 1948 schrieb Kennan, dass eine Unterstützung des UNO-Teilungsplans den amerikanischen Interessen in der Region schaden und „eine ernsthafte Bedrohung für den Erfolg des Marshall-Plans“ darstellen würde, da der Ölimport nach Europa dadurch gefährdet sei.  Außerdem, so fügte Kennan hinzu, „kann die UdSSR von dem Teilungsplan profitieren, wenn er mit Gewalt umgesetzt wird“, weil sich den Russen so die Möglichkeit bietet, sich an der „Aufrechterhaltung der Ordnung“ in Palästina zu beteiligen. Die sowjetischen Streitkräfte in Palästina würden kommunistischen Agenten eine ausgezeichnete Basis bieten, von der aus sie ihre subversiven Aktivitäten ausweiten und versuchen könnten, die arabischen Regierungen durch „Volksdemokratien“ zu ersetzen. Der Text war von zentraler Bedeutung und brachte den antizionistischen Konsens an der Spitze des nationalen Sicherheitsapparates der USA auf den Punkt. 

Was wollten die Vereinigten Staaten stattdessen? 

Im März 1948 drängte Warren Austin, der US-Botschafter bei der UNO, die Vereinten Nationen dazu, den Teilungsplan durch den Vorschlag einer Treuhandschaft zu ersetzen, welcher die Gründung eines jüdischen Staats in Palästina ausschließen würde. Der wütende, übergangene Präsident Truman brachte daraufhin die Palästina-Frage mit ins Weiße Haus. Truman war allerdings die Ausnahme in seiner eigenen Regierung – auch er war Antikommunist, der aber glaubte, dass die Unterstützung des neuen Staates Israel mit der Eindämmung der Sowjetunion vereinbar sei. 

Treffen bei den Vereinten Nationen: Eliahun Eila  (Sekretär der Jewish Agency in Washington), Andrei Gromyko (Außenminister und Vertreter der UdSSR bei den Vereinten Nationen) und Moshe Sharet (Vorsitzender der Jewish Agency), New York 1947. Quelle: Moshe Sharet Archive, Wikimedia Commons.

Marshalls Außenministerium erkannte, dass die Eindämmung der Sowjetunion die Unterstützung der nichtkommunistischen und antikommunistischen Linken erforderte: der britischen Labour Party, der französischen und italienischen Sozialisten, der westdeutschen Sozialdemokraten. Was er und das britische Außenministerium jedoch nicht sehen konnten oder wollten, war, dass die Zionisten der Generation Ben-Gurions in ihrer überwältigenden Mehrheit die politischen Überzeugungen dieser Parteien links der Mitte teilten. Sie sympathisierten keineswegs mit dem Sowjetkommunismus. Clifford brachte dieses Argument vor: Israel wäre ein Gewinn und ein Verbündeter, nicht eine Bürde oder ein Gegner. Seine Argumentation fand außerhalb des Weißen Hauses jedoch kein Gehör. 

​Am 29. Mai 1949, nachdem die UNO-Vollversammlung für den Beitritt Israels gestimmt hatte, willigte Truman ein, ein vom Außenministerium verfasstes Schreiben an Ben-Gurion zu senden. In Anbetracht „der großzügigen Unterstützung [Amerikas] für die Gründung Israels“, hieß es darin, sollte Israel die amerikanische Kritik an seiner Politik in Territorial- und Flüchtlingsfragen berücksichtigen, da sie sonst zu einer Neubewertung der US-Politik gegenüber Israel führen könnte. Ben-Gurion erklärte James McDonald, Trumans Botschafter in Israel, dass die Juden den Unabhängigkeitskrieg nur gewinnen konnten, weil sie die umfangreichen britischen, amerikanischen und schließlich auch UNO-Bemühungen unterliefen, die verhindern sollten, dass militärische Unterstützung nach Palästina und später nach Israel gelangte.

Mc Donald fasste Ben-Gurions Einwände gegen den Druck vonseiten der USA folgendermaßen zusammen: 

Der Premierminister kann sich keiner entschlossenen Maßnahmen der USA oder der UNO entsinnen, um die Beschlüsse vom 29. November durchzusetzen oder eine Aggression durch Syrien, Ägypten, Libanon und Irak zu verhindern. Stattdessen ermutigte das Embargo die Aggressoren gegen Israel, das in seiner Existenz bedroht war. Hätten die Juden auf die USA oder die UNO gewartet, wären sie ausgerottet worden. Israel wurde nicht auf der Grundlage des 29. November gegründet, sondern auf der Grundlage eines erfolgreichen Verteidigungskrieges. Daher sind die Empfehlungen des Schreibens ungerecht und unrealistisch, denn es ignoriert den Krieg und die anhaltenden arabischen Drohungen, die die Grenzen vom 29. November unmöglich machen.“

​Zum Glück für die Zionisten waren Moskau und seine Verbündeten ihre begeisterten Unterstützer. 

Sie unterstützten schon vor der Abstimmung von 1947 die jüdische Einwanderung nach Palästina. Andrei Gromyko, der damalige sowjetische Botschafter bei der UNO, verblüffte seine Zuhörer, als er sich im Mai 1947 energisch für die Teilungsresolution aussprach. Die sowjetische Unterstützung hielt bis zur Verabschiedung der Resolution im November an. Sie blieb trotz der amerikanischen und britischen Bemühungen, die Resolution im folgenden Jahr rückgängig zu machen, bestehen, vor allem durch die Förderung der Lieferung von Militärgütern an Israel über die Tschechoslowakei im Jahr 1948. Moskau wandte sich auch entschieden gegen den Plan des schwedischen Diplomaten Folke Bernadotte, eine föderale Union zwischen einem arabischen und einem jüdischen Staat zu errichten, Jerusalem zu internationalisieren, die vor den Kämpfen geflohenen Palästinenser zu repatriieren, die Negev-Wüste an Transjordanien abzutreten und Haifa zu einem Freihafen zu machen – all dies hätte die arabische Ablehnung belohnt, die neue „Union“ verkleinert und dem jüdischen Volk einen eigenen Staat verwehrt. 

​Zudem kam die Unterstützung für Israel nicht nur aus dem Sowjetblock. Liberale und Linke in London, Paris, New York und Washington hörten, wie Jamal Husseini, der Vertreter des Arabischen Hohen Komitees bei den Vereinten Nationen, einen jüdischen Staat in Palästina ablehnte, weil er die „rassische Homogenität“ der arabischen Welt untergraben würde

Solche Äußerungen stießen bei den Amerikanern, die die schrecklichen Nachrichten aus Deutschland während und nach dem Krieg verfolgt hatten, auf ein äußerst negatives Echo. Im Senat hob Robert Wagner, einer der wichtigsten Verfasser der New Deal-Gesetzgebung, den Beitrag der Juden im Kampf der Alliierten hervor. Schon während des Krieges hatte er die Beschwichtigungspolitik gegenüber den Arabern angeprangert. Nach dem Sieg der Alliierten weiter die arabische Verweigerungshaltung besänftigen zu wollen, mache definitiv keinen Sinn mehr. Im Repräsentantenhaus war der demokratische Kongressabgeordnete Emanuel Celler aus Brooklyn federführend bei den Bemühungen, die Aufmerksamkeit auf Jamal Husseinis Cousin, Amin al-Husseini, den Großmufti von Jerusalem, zu lenken, der während des Zweiten Weltkriegs eine schriftliche Vereinbarung mit Deutschland und Italien getroffen hatte, um „die Frage der jüdischen Elemente, die in Palästina und in den anderen arabischen Ländern existieren, so zu lösen, wie die jüdische Frage in Deutschland und Italien gelöst wurde“.  

​Auch die liberalen Medien nahmen dies zur Kenntnis. Husseinis Zusammenarbeit mit den Nazis wurde in der New York Post sowie in den linken Publikationen PM und The Nation, von I.F. Stone, Freda Kirchwey und dem Pulitzer-Preisträger Edgar Mowrer, der auf Husseinis Anklage in Nürnberg drängte, ausführlich dokumentiert. Trotz umfangreicher Akten des Außenministeriums über Husseinis Zusammenarbeit mit den Nazis gelang es der US-Administration dennoch, sich den Forderungen zu widersetzen, ihn vor Gericht zu stellen und die Beweise für seine Aktivitäten in der Nazizeit zu veröffentlichen. Das kurzzeitige Zusammentreffen sowjetischer und westlicher liberaler Sympathien für den entstehenden jüdischen Staat wurde von Ben-Gurion brillant genutzt. Er verstand besser als jeder andere, dass dies ein einzigartiger Moment war, um Israel mit der Zustimmung der beiden Großmächte der Welt ins Leben zu rufen – und dass es eine Gelegenheit war, die sich bald schließen würde, wie es dann auch geschah. 

Während der „antikosmopolitischen“ Säuberungen Anfang der 1950er Jahre änderte Stalin seinen Kurs, verbreitete die Lüge, Israel sei ein Produkt des amerikanischen Imperialismus, verdrängte die Erinnerung an die sowjetische Unterstützung für das zionistische Projekt und startete eine vier Jahrzehnte andauernde Verleumdungskampagne gegen den Zionismus und Israel. Es war eine der erfolgreichsten Propagandakampagnen des Kalten Krieges. Stalin gelang es auch, die amerikanische Geschichte umzuschreiben. Er beharrte darauf, dass es die Amerikaner und nicht die Sowjets gewesen seien, die die Gründung des Staates Israel von ganzem Herzen unterstützt hätten, und setzte sich damit durch. Die Akten des Außen- und des Verteidigungsministeriums sowie der CIA belegen jedoch eindeutig ihre entschiedene und ausdrückliche Ablehnung des zionistischen Projekts.

​Die Unterschiede zwischen der Landschaft der internationalen Politik in den späten 1940er Jahren und derjenigen, die sich zunächst in der sowjetischen und dann in der Weltpolitik der 1950er und 1960er Jahre abzeichnete, müssen sich auch in den amerikanisch-jüdischen Diskussionen über die Gründung Israels widerspiegeln. Im Gegensatz zu dem, was wir seit Jahrzehnten bei den Vereinten Nationen, in internationalen BDS-Kampagnen und in akademischen Beschreibungen Israels hören, war das zionistische Projekt nie ein kolonialistisches. 

​Ganz im Gegenteil. Die Generation, die den Staat gründete, und Unterstützer im Ausland betrachteten ihn als Teil der Ära der liberalen und linken Opposition gegen Kolonialismus, Rassismus und natürlich Antisemitismus. Die Beweislage ist eindeutig: Welche Fehler Israel auch haben mag, seine Ursprünge haben nichts mit dem amerikanischen oder britischen Imperialismus zu tun. Das gegenteilige Argument ist eine weit verbreitete Unkenntnis, die in zu viele wissenschaftliche und journalistische Beiträge der letzten Jahrzehnte Eingang gefunden hat. Die Gründung Israels war kein Wunder, das sich einer historischen Erklärung entzieht. Sie war das Ergebnis enormen moralischen und militärischen Mutes, ermöglicht durch kluge und hartgesottene politische Führer, die der Sache der historischen Gerechtigkeit Raum schufen – insbesondere David Ben-Gurion, der einen flüchtigen Moment, Israels Moment, nutzte, um eine dauerhafte Errungenschaft zu erzielen.

Jeffrey Herf ist Historiker und emeritierter Professor für europäische Geschichte an der Universität Maryland, spezialisiert insbesondere auf die Geistes und Kulturgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Zu seinen auch auf Deutsch vorliegenden Publikationen gehören die Monographien „Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland“ (1998) sowie „Unerklärte Kriege gegen Israel: Die DDR und die westdeutsche radikale Linke, 1967–1989″ (2019). Für sein letztes Buch „Israel’s Moment: International Support for and Opposition to Establishing the Jewish State, 1945–1949″ gewann er im November 2022 den Bernard Lewis Prize der Association for the Study of the Middle East and Africa. Der Beitrag „Israel is Antiracist, Anti-Colonialist, Anti-Fascist (and Was from the Start)” erschien im Original im SAPIRjournal (sapirjournal.org), Vol. 9, Frühjahr 2023.


Mythos#5: Israel ist schuld an der Nakba