Einat Wilf: Die Behauptung, Israel existiere wegen des Holocausts, bedeutet den Zionismus zu leugnen

Die Erzählung, dass der Staat Israel dem jüdischen Volk von der schuldbeladenen Welt nach dem Holocaust „geschenkt“ wurde, kommt einer Leugnung des Zionismus gleich. Und auch die Behauptung, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser ebenfalls ein Opfer Deutschlands und Europas sind, da ohne den Holocaust ihre Katastrophe vermieden worden wäre, bedeutet den Zionismus zu leugnen. 

​Die zionistische Bewegung begann Jahrzehnte vor dem Zweiten Weltkrieg

Eine solche Leugnung des Zionismus läuft darauf hinaus, die Geschichte der zionistischen Bewegung vor dem Zweiten Weltkrieg gänzlich auszublenden. Die Tatsache, dass der im Entstehen begriffene Staat Israel, abgesehen von dem entscheidenden Aspekt der Unabhängigkeit, faktisch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs existierte, wird dabei komplett vergessen. Ebenso wird dadurch ignoriert, dass der Staat Israel durch die Vision, den Willen und die außergewöhnliche Leistung weitblickender Jüdinnen und Juden entstanden ist, die den Grundstein für seine Unabhängigkeit gelegt haben. Israel wurde den Juden nicht „geschenkt“, denn das letzte, was bei den europäischen Nationen am Ende des Weltkriegs auf der Tagesordnung stand, waren Schuldgefühle gegenüber Jüdinnen und Juden. In einigen europäischen Ländern begannen diese Gefühle erst nach einer Generation aufzutauchen, und in anderen Ländern ist bis heute nichts von Schuldgefühlen zu hören. So wie Indien und Pakistan und andere Nationen damals nicht die Ermordung eines Drittels ihres Volkes brauchten, um einen Staat zu erhalten, hat auch das jüdische Volk am Ende des Zweiten Weltkriegs seinen eigenen Staat erlangt – nicht wegen des Holocausts, sondern wegen eines anderen Ergebnisses des Krieges, nämlich der Zerschlagung des britischen Empires. 

​Zionismus verkennen heißt jüdische Eigenständigkeit und Initiative verkennen

Die Leugnung des Zionismus übergeht nicht nur die Vorkriegsgeschichte des Zionismus, sondern spricht dem jüdischen Volk auch jegliches zionistische Bewusstsein ab – die Anerkennung dessen, dass Juden kraft ihrer Vision, ihres Willens und Wirkens als aktive Akteure in die Geschichte zurückkehren und eine Zukunft gestalten können, in der sie nicht die Opfer anderer sind. Der Staat Israel wird so zu einem „Geschenk“, das den Juden aufgrund dessen gemacht wurde, was andere den Juden angetan haben – und nicht aufgrund dessen, was die Juden von selbst aus und für sich selbst getan haben.

​Schlimmer noch: Mit der Leugnung des Zionismus wird versucht, Jüdinnen und Juden wieder auf ihren „rechtmäßigen“ Platz in der europäischen Geschichte zu verweisen, als geduldetes Volk, dessen Schicksal von denen bestimmt wird, die geben und nehmen, wie es ihnen gefällt. Dies macht Israel – als einziges Land der Welt – zu einem Staat unter Vorbehalt, der so lange existieren darf, wie diejenigen, die ihn aus Gnade und nicht aus Recht erhalten haben, in den Augen derer, die ihnen das Land „gegeben“ haben, Gefallen finden. 

Jüdische DPs, die auf den Transport zum Hafen von Neapel warten, in welchem sie ein Schiff nach Palästina besteigen werden, unterhalten sich mit Volkstänzen

Zionismus verkennen heißt arabische Perspektiven und Verantwortung verkennen

Wer den Zionismus leugnet, beraubt die Araber und unter ihnen auch die Palästinenser ihres Status als Volk mit einer alten und eigenständigen Kultur, das Standpunkte vertritt, die Auswirkungen haben. Aus der Sicht der Araber hätte die Akzeptanz des Teilungsplans die Überwindung einer jahrhundertealten kulturellen Konstruktion bedeutet, nach der die Juden Anhänger einer minderwertigen Religion sind, die aufgrund der Gnade der Mehrheit und langanhaltender Traditionen existieren darf, und nach der es nur möglich war, mit den Juden zusammen zu leben, solange sie ihren Platz kannten als Menschen, die den Muslimen und Arabern nicht gleichgestellt sind und sein können.

​Es stimmt, dass die Araber angesichts der Tatsache, dass es im Land mehr Araberinnen und Araber als Juden gab, keinen Anreiz hatten, einen Kompromiss zu schließen und sich das Land mit der zionistischen Bewegung zu teilen.  Dass sie aus dieser Perspektive Gründe hatten, den Teilungsplan abzulehnen, entbindet sie jedoch nicht von der Verantwortung für die Folgen. Wäre es ihnen gelungen, über ihre Geschichte hinauszuwachsen  und sich nicht auf ihre zahlenmäßige Über- legenheit zu verlassen, hätten sie den Teilungsplan akzeptiert und sich nicht mit Gewalt dagegen gewehrt. Die Gründung Israels wäre nicht zu ihrem Desaster geworden. 

​Es gibt die Behauptung, nach der die Karte des Teilungsplans, in der es eine bedeutende arabische Minderheit innerhalb des jüdischen Staates gab, beweise, dass  die zionistische Führung plante, das Gebiet von Arabern  unabhängig von deren Zustimmung zur Teilung zu„säubern“. Hierbei wird jedoch außer Acht gelassen, dass zur gleichen Zeit Hunderttausende von Jüdinnen und Juden in DP-Lagern in Europa und Zypern saßen und auf die Gründung des jüdischen Staates und die Öffnung der Tore für die Einwanderung warteten, sodass die zahlenmäßige Überlegenheit dadurch hergestellt worden wäre. Auf der Grundlage der Teilungskarte bestand somit keine Notwendigkeit für eine „Säuberung“. Was nötig war, war die Öffnung der Tore für Juden – Tore, die ohne den Kampf der Araber gegen den Zionismus in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gar nicht erst geschlossen worden wären.

​Recht auf staatliche Selbstbestimmung gilt für Palästinenser und Israelis 

Solange die Welt auf der Grundlage des Prinzips der Selbstbestimmung der Völker und Nationen in etwa 200 Länder aufgeteilt ist, hat das jüdische Volk ein Recht darauf. Auch die palästinensischen Araber haben ein Recht auf Selbstbestimmung in einem Teil des Landes zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Ihr Recht hat jedoch keinen Vorrang vor dem Recht der Juden, ebenso wenig wie das Recht der Juden in diesem Land Vorrang vor dem der Araber hat. Wenn die Araber anerkennen, dass das jüdische Volk ein gleichberechtigtes Recht auf Selbstbestimmung in einem Teil seines Heimatlandes im Land Israel hat, werden sie gewiss verstehen, dass sie ihre Forderung nach Rückkehr in alle Teile des Staates Israel aufgeben müssen. Dann werden sie in der Lage sein, ihr Land in einem Teil Palästinas zu errichten und das Recht der Palästinenser auf Rückkehr gesetzlich zu verankern, so wie es die Juden dank ihrer Vision, ihren Anstrengungen und ihrer Entschlossenheit getan haben.

Einat Wilf ist eine israelische Politologin, Publizistin und ehemalige Politikerin. Sie war u.a. für Schimon Peres als Politikberaterin tätig, von 2010–2013 Knesset-Abgeordnete und gilt als eine der führenden Intellektuellen Israels. In ihren Veröffentlichungen beschäftigt sie sich mit Kernfragen der israelischen Gesellschaft und Außenpolitik sowie der Geschichte und Gegenwart des Zionismus. Auf Deutsch erschien 2022 „Der Kampf um Rückkehr. Wie die westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert hat“ (mit Adi Schwartz).  Der Beitrag „No, Maestro, the Holocaust Did Not Create Israel” erschien im Original am 13. Juni 2017 auf Haaretz.com.


Mythos#4: Israel ist ein kolonialistisches Projekt und Produkt des westlichen Imperialismus