Alex Carstiuc: Kein Land von Milch und Honig. Juden und Araber in „Palästina“ vor der Staatsgründung Israels

Nach der zweiten Zerstörung des Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) und dem erfolglosen Aufstandsversuch der Juden im Jahr 132 (sog. Bar-Kochba-Aufstand) vertrieben die Römer große Teile der jüdischen Bevölkerung, die sich sukzessive im gesamten römischen Reich ansiedelte, und nannten die vormaligen Gebiete Judäa und Israel Palästina. Juden lebten jedoch weiterhin in dieser Region, die Siedlungskontinuität war ungebrochen. Nach einer Phase der christlichen Herrschaft wurde das Gebiet 637 dem arabisch-islamischen Großreich eingegliedert. Nach den Kreuzrittern, Mongolen und der erneuten arabischen Herrschaft erlangten schließlich 1516 die Osmanen die Herrschaft über Palästina. Die Herrschaft islamischer Großreiche war keineswegs so tolerant wie heute oft kolportiert:  

​Unterdrückung der Juden in Berufung auf den Koran

Da der Islam sich mitnichten auf das Alte Testament berief, war die Beziehung zwischen Arabern und Juden weniger verworren – und weniger paradox – als das jüdisch-christliche Verhältnis. Das allgemeine Prinzip findet sich im Koran: Die Heiden müssen dem Schwert zum Opfer fallen, aber die „Völker des Buches“, also Christen und Juden, sollen verschont bleiben. Als „Schutzbefohlene“ („Dhimmi“) geduldet, waren sie gezwungen, den wahren Gläubigen Tribut zu zollen und auf verschiedene Weise ihre Unterwerfung und Unterlegenheit zu bezeugen. Unter diesen Bedingungen hatten die Juden, die weniger zahlreich waren als die Christen, nicht das Privileg, die einzigen Ungläubigen zu sein, das heißt nicht die einzigen Sündenböcke. Dennoch wurden sie oft verfolgt und in der Regel verachtet. Das arabische „Yahoudi“ hatte den gleichen Klang wie „Jud“ oder „Jid“ in europäischen Redewendungen. Entsprechend wenig zimperlich geht der Koran mit diesen Ungläubigen um, die die Lehre des Propheten abgelehnt hatten: „Wir haben sie verflucht und ihre Herzen hart gemacht. Sie verdrehen den Sinn der Worte, und sie haben einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt worden waren. Und du wirst immer wieder Verrat von ihnen erfahren – bis auf wenige von ihnen.“ 

So beschrieb Léon Poliakov (1910–1997), einer der ersten Historiker der Shoah, die islamische Judenfeindschaft, die sich auch immer wieder gewaltsam wie beim Pogrom in Grenada 1066 oder in vielerlei anderen Gewaltexzessen gegen die Juden Bahn brach.* Im 20. Jahrhundert fanden zudem die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine antisemitische Fälschung, die postuliert, es gäbe eine jüdische Weltverschwörung, weite Verbreitung auch in der arabischen Welt.  

Die zionistische Bewegung und die Verhältnisse in der Region Palästina

Die Idee und die Bewegung des Zionismus bekamen ihren großen Auftrieb mit den Pogromen und der Radikalisierung des Antisemitismus in Europa im 19. Jahrhundert. Die erste große Alija (Einwanderungswelle) von vor allem osteuropäischen Juden war eine Reaktion auf die Pogromwelle im russischen Zarenreich 1881. 1897 gewann die Idee des politischen Zionismus nach dem Ersten Zionistenkongress in Basel, den Theodor Herzl (1860–1904) einberufen hatte, weiteren Zulauf. Herzls Schrift „Der Judenstaat“ (1896) sah einen mehrsprachigen sozialen Staat im historischen Kernland der Juden als Schutzraum vor dem grassierenden Antisemitismus vor. 

Die Klagemauer 1899. Quelle: Heritage Conservation Jerusalem via the PikiWiki – Israel free image collection project

Die Osmanen hatten bis dato nicht zwischen dem späteren britischen Mandatsgebiet Palästina, Syrien, dem Libanon und Jordanien unterschieden. Es existierte kein palästinensisches Nationalbewusstsein (dies sollte erst ab den 1960er-Jahren und oft mit Zwang durchgesetzt entstehen), viele Araber waren christlichen Glaubens, zudem gab es sehr viele ethnische und religiöse Minderheiten. Das Land war vergleichsweise dünn besiedelt und das osmanische Reich schon länger in einer existentiellen Krise. Die Region war gekennzeichnet durch Unterentwicklung: Krankheiten (insbesondere Malaria), Analphabetismus, Wassermangel und ein archaisches Clansystem machten der Bevölkerung zu schaffen. Daher gab es anfangs viele Araber, die das Siedlungsprojekt der Zionisten begrüßten, da diese moderne Bildung, Technik, Medizin und neue landwirtschaftliche Anbaumethoden in die Region brachten und ein egalitäres Gemeinwesen, das auf der Idee der sozialistischen Gemeinwirtschaft im Kibbuz und der Frauenemanzipation beruhte, etablieren wollten.  

Gewaltsame arabisch-jüdische Konflikte während der britischen Kolonialherrschaft
Großbritannien hatte das Gebiet 1917 während des Ersten Weltkriegs erobert und bekam in der Folge auch das Mandat des Völkerbundes übertragen. Die Briten ernannten 1921 den erst 26-jährigen Amin al-Husseini (1895–1974) zum Großmufti von Jerusalem. Seine Anhänger, frühe Islamisten, gingen gewaltsam gegen die Juden im Land und gegen diejenigen Araber vor, die mit ihnen zum Wohle des Landes zusammenarbeiten wollten. 1929 verübten die Anhänger des Muftis ein Pogrom mit vielen Toten in der Stadt Hebron, wo seit jeher eine jüdische Gemeinde existiert hatte. Im sogenannten arabischen Aufstand von 1936 setzten sich die Anhänger des Muftis, der ein glühender Antisemit war, endgültig auch gegen moderatere arabische Fraktionen durch und verübten hunderte Terrorakte und zahlreiche Morde.

Geschändete Synagoge, Hebron 1929. Quelle: American Colony (Jerusalem), Photo Dept., Wikimedia Commons.

Mittlerweile hatten sich auch jüdische Selbstverteidigungsorganisationen gegründet, die die Siedlungen beschützten. Deren bedeutendste, die Hagana, wurde nach der Staatsgründung in die israelischen Verteidigungskräfte überführt. Ein kleiner Teil ging angesichts des arabischen Terrors und der Repression der britischen Kolonialmacht zu Vergeltungsanschlägen und Gegenterror über.  

Logo der Hagana. Quelle: Wikimedia Commons

UN-Teilungsplan und israelische Staatsgründung

Nach dem Massenmorden in Europa lebten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über 250.000 jüdische Überlebende, die ihre Heimat verloren hatten, in Lagern für Displaced Persons (DPs), traumatisiert, von Antisemitismus bedroht und in Armut lebend. Großbritannien verweigerte ihnen weiterhin gewaltsam die Einwanderung, während jüdische Organisationen versuchten, sie illegal ins Land zu bringen. Die Situation im Mandatsgebiet Palästina selbst war von Gewalt und Terror geprägt. Ein Teilungsplan der UNO wurde 1947 von der jüdischen Seite begrüßt, von der arabischen einhellig abgelehnt. Angesichts der immer weiter eskalierenden Gewalt verkündete Großbritannien den Abzug aus Palästina. Die Zionisten um den späteren Ministerpräsidenten Ben-Gurion (1896–1973) rechneten zu Recht mit einem Großangriff der das Mandatsgebiet umgebenden neugegründeten arabischen Staaten. Israel verfügte zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung über keine Armee, keine schweren Waffen und keine Flugzeuge.  

Angriff der Arabischen Liga und Unabhängigkeitskrieg 1948/49

Nachdem die Terrorbanden des Muftis einzelne isolierte Kibbuzim erobert und deren Bewohner massakriert und die arabischen Staaten einen totalen Krieg gegen die Juden erklärt hatten, besetzten die jüdischen Verteidigungsorganisationen zentrale Straßen und sicherten wichtige Geländeabschnitte. Dabei kam es in Reaktion auf arabische Terrorakte vereinzelt zu Vertreibungen und Racheaktionen, eine systematische Vertreibung der arabischen Bevölkerung wurde jedoch weder geplant noch durchgeführt. Vielmehr forderten die Regierungen der sechs arabischen Staaten (Ägypten, Syrien, Transjordanien, Libanon, Irak, Saudi-Arabien), die Israel noch am Tag der Staatsgründung (15. Mai 1948) den Krieg erklärt hatten, die Bevölkerung zur Flucht auf, da sie davon ausgingen, damit Druck zu erzeugen, und gleichzeitig ihres Sieges sicher waren, der ihre triumphale Rückkehr ermöglichen würde.  

Es kam jedoch anders: Die angesichts der Vernichtungsdrohungen hoch motivierte neugeschaffene jüdische Armee, die von vielen erst kurz vorher eingetroffenen Shoah-Überlebenden verstärkt wurde, besiegte die arabischen Streitkräfte und verteidigte ein zusammenhängendes Gebiet, das allerdings an der schmalsten Stelle nur 17 Kilometer tief war und nur die Randgebiete Jerusalems einschloss. Etwa 100.000 Juden flohen innerhalb des früheren Mandatsgebietes in sichere Regionen. Der Unabhängigkeitskrieg 1948/49 war mit etwa 6.500 Toten der verlustreichste Krieg in Israels Geschichte. Die arabischen Staaten verweigerten den geflohenen ca. 750.000 Arabern aus Palästina (bis heute) die Integration in ihre Gesellschaften. Hundertausende Araber blieben in Israel, sie und ihre Nachfahren besitzen die israelische Staatsbürgerschaft. Als Folge des Überfalls auf den Judenstaat wurden zudem 700.000 Juden aus den arabischen Ländern vertrieben und hunderte bei Pogromen ermordet.

Eine jemenitische jüdische Familie auf dem Weg durch die Wüste zu einem vom „Joint“ eingerichteten Auffanglager bei Aden, 1. November 1949. Quelle: Zoltan Kluger, Wikimedia Commons

Alexander Carstiuc ist Historiker, Sozialpädagoge, Übersetzer sowie Mitbetreiber der Programmschänke „Bajszel“ in Berlin und seit Jahren in der Bildungsarbeit tätig. Er ist Mitherausgeber und Mitübersetzer der Autobiographie des jüdischen Historikers Léon Poliakov „St. Petersburg – Berlin – Paris“ sowie der Schrift „Von Moskau nach Beirut. Essay über die Desinformation“. Derzeit übersetzt und ediert er die Autobiographie des jüdisch-amerikanischen Schriftstellers Meyer Levin „Auf der Suche“.


Mythos#2:
Israel wurde auf gestohlenem palästinensischem Land errichtet