In einer Reihe literarischer, historischer und künstlerischer Veranstaltungen widmen wir uns der Bewahrung einer Welt, die fast gänzlich zerstört wurde – des Jiddischland, jener vielgestaltigen jüdischen Kulturlandschaft Mittel- und Osteuropas, die einst zwischen den Karpaten, dem Schwarzen Meer und dem Bug existierte. Über Jahrhunderte hinweg war dieser Raum Heimat für Millionen Jüdinnen und Juden – mit eigenen Schulen, Theatern, Zeitungen, politischen Bewegungen, Philosophien und Sprachen, insbesondere dem Jiddischen.
Heute ist dieses Jiddischland beinahe verschwunden. Die Shoah hat seine Menschen ermordet, der Zweite Weltkrieg und nachfolgende politische Umbrüche seine Strukturen zerstört. Doch in der Literatur, in Tagebüchern, Gedichten und Erinnerungsstücken ist es noch lebendig. Unsere Veranstaltungen bringen diese Stimmen aus Galizien und Lodomerien, der Bukowina, Bessarabien und Rumänien zurück ins öffentliche Bewusstsein – Stimmen, die vom Alltag jüdischer Gemeinden, von Hoffnung und Verfolgung, von Intellekt und Glaube, von Assimilation und Widerstand – und vom Überleben durch Sprache, Kunst, Erinnerung erzählen.
Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit. Viele der Städte und Regionen, die in den vorgestellten Texten erscheinen – Drohobytsch, Lwiw, Odessa, Czernowitz – gehören heute zur Ukraine. Seit 2014, verstärkt seit 2022, ist das Land einem brutalen russischen Angriffskrieg ausgesetzt, der erneut Kultur, Leben und Selbstbestimmung bedroht. Unser Projekt schlägt deshalb eine Brücke in die Gegenwart: Indem wir die Erinnerung an das zerstörte jüdische Leben wachhalten, setzen wir ein Zeichen gegen das Vergessen – und gleichzeitig für Solidarität mit den Menschen, die heute erneut für Freiheit und Würde kämpfen müssen.Jede der Veranstaltungen ist deshalb auch eine konkrete Hilfsaktion. Wir sammeln Spenden für humanitäre Transporte z.B. nach Drohobytsch, für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine und für lokale Akteur:innen, die an der Frontlinie medizinische, logistische und seelische Unterstützung leisten.

Der Schauspieler und Musiker Robert Stadlober widmet sich in einer szenischen Lesung den Tagebüchern des rumänisch-jüdischen Schriftstellers Mihail Sebastian (1907–1945). Sebastian, einer der bedeutendsten Intellektuellen der rumänischen Zwischenkriegszeit, schrieb in Rumänisch und Französisch, war eng vernetzt mit der kulturellen Elite seiner Zeit – und wurde zugleich von eben diesen Kreisen mit wachsendem Antisemitismus ausgegrenzt.
Seine Tagebücher aus den Jahren 1935 bis 1944 sind ein erschütterndes Zeugnis über die fortschreitende gesellschaftliche Radikalisierung, den Verrat ehemaliger Freunde und Kollegen, die Ausbreitung faschistischer Ideologien und schließlich über die Shoah in Rumänien und Transnistrien. Zugleich sind sie ein Akt intellektueller Selbstbehauptung – präzise, hellsichtig und von einer tiefen ethischen Integrität geprägt.
Thomas Ebermann, Autor und politischer Publizist, moderiert den Abend und ordnet das Werk in seinen historischen Kontext ein: Rumänien zwischen Antonescu-Diktatur, deutscher Besatzung und eigener Verantwortung für den Holocaust.
Der Eintritt liegt bei 10–15 Euro (nach Selbsteinschätzung). Die Erlöse gehen vollständig als Solidaritätsbeitrag an das Bajszel sowie an die Ukrainehilfe – zur Unterstützung von Hilfstransporten und sozialen Projekten in vom Krieg betroffenen Regionen.
Diese Veranstaltung wurde gefördert vom Aktionsfonds zur Unterstützung von Projekten gegen Antisemitismus

<<Die goldene pave ist ein seltener Vogel. Ihr könnt die ganze Welt bereisen und werdet ihr nicht begegnen. Ihr werdet sie erst antreffen, wenn ihr euch mit dem jiddischen Volkslied vertraut macht. Dort ist sie geboren..>>
Itzik Manger: Shriftn un proze (aus dem Jiddischen)
Mit diesem poetischen Bild eröffnet der jiddische Dichter Itzik Manger einen Blick auf eine untergegangene Welt – die vielgestaltige jüdische Kultur Mittelosteuropas, wie sie sich auch in der Literatur von und über Rumänien und Bessarabien erhalten hat. In einer literarischen Spurensuche widmen sich Lothar Quinkenstein, Anselm Meyer, Katrin Schuster, Jonas Empen und Alexander Carstiuc den oft vergessenen jüdischen Lebenswelten dieser historischen Landschaften. In Lesungen, Kommentaren und Gesprächen nähern sie sich den Stimmen einer kulturellen Vielfalt, die durch Shoah, Krieg und politische Umwälzungen weitgehend ausgelöscht wurde – und dennoch in den Texten weiterlebt.
Gelesen werden Auszüge aus Werken von und über Sorana Gurian, Vladimir Jabotinsky, Itzik Manger, Pierre Pachet, Mihail Sebastian und Binjamin Segel – Texte, die zwischen Lyrik, Erinnerung, politischem Essay und autobiografischer Reflexion.

Bruno Schulz (1892–1942) war einer der originellsten Schriftsteller der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts. In der galizischen Kleinstadt Drohobytsch – im heutigen Westen der Ukraine – geboren, hinterließ er mit seinem schmalen, aber stilistisch und gedanklich überwältigenden Werk ein bleibendes Vermächtnis. Schulz’ poetisch dichte Prosa, insbesondere die Erzählbände Die Zimtläden und Das Sanatorium zur Sanduhr ist ein einzigartiges Zusammenspiel aus Traum, Mythos und Erinnerungsarbeit. Seine Texte erschaffen eine ebenso phantastische wie intime Welt, die tief in seiner jüdisch-galizischen Herkunft und persönlichen Biografie verwurzelt ist.
An diesem Abend wird der Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer Lothar Quinkenstein – seit über drei Jahrzehnten ein leidenschaftlicher Schulz-Kenner – über Leben und Werk des Autors sprechen. Quinkenstein beschäftigt sich intensiv mit den Spuren, die Schulz in der heutigen Erinnerungskultur seiner Heimatstadt Drohobytsch hinterlassen hat. Neben biografischen und literaturhistorischen Einblicken wird der Abend durch die Lesung ausgewählter Textpassagen aus dessen Werk bereichert.
Die Veranstaltung schlägt auch eine Brücke zur Gegenwart: In Kooperation mit Alex Weiss und Alex Carstiuc organisiert Lothar Quinkenstein einen Hilfstransport für die Menschen in Drohobytsch, die angesichts des anhaltenden Kriegs in der Ukraine mit großen Herausforderungen konfrontiert sind. Der Abend ist daher auch mit einer Spendenaktion verknüpft, deren Erlös direkt diesem Hilfsprojekt zugutekommt.
Diese Veranstaltung wird gefördert vom Aktionsfonds zur Unterstützung von Projekten gegen Antisemitismus

Bogdan Wojdowski (1930-1994) gehört zu den herausragenden Vertreter*innen der polnischen Holocaustliteratur. Sein Roman „Brot für die Toten“, 1971 in der Volksrepublik Polen erschienen, 1974 im Verlag Volk und Welt in der hervorragenden Übersetzung von Henryk Bereska publiziert, zählt zu den bedeutendsten Werken über das Warschauer Getto.
Dr. Lothar Quinkenstein, selbst Übersetzer polnischer Literatur und Mitherausgeber der Reihe „Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur“ (Wallstein) wird über Leben und Werk Bogdan Wojdowskis sprechen und zugleich das Konzept der Reihe vorstellen, die sich zum Ziel gesetzt hat, einige der weißen Flecken auf der Landkarte der deutschen Memoria mit Textgedächtnis zu füllen.

Marc Sagnol durchstreift die ehemaligen »Kronländer« Galizien und Lodomerien, die heute vor allem auf dem Gebiet der westlichen Ukraine liegen. Die persönliche wie historische Spurensuche führt ihn zur verschollenen österreichischen, polnischen und jüdischen Kultur des ehemaligen Vielvölkerlandes und den zahlreichen Schriftstellern, die dort gelebt und geschrieben haben. Orte werden sichtbar – Grodek, Lemberg, Bels, Drohobycz, Brody, Stryj, Bolechow, Czortkow –, die im gegenwärtigen Gedächtnis meist nicht mehr präsent sind, obwohl sie jetzt wieder eine brennende Aktualität haben. Die Figuren und Geschichten ihrer Werke werden aus dem Vergessen geholt und erscheinen in ihrer ganzen Plastizität und Lebendigkeit vor unseren Augen. Ein Leitfaden der Suche bleibt die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung von Galizien in der Shoah und die damit verbundene unwiderrufliche Zerstörung einer einst blühenden Kultur.


Soma Morgenstern (1890-1976) und Julian Stryjkowski (1905-1996), zwei faszinierende Schriftsteller der galizischen Literatur(en), nehmen leider bis heute nicht den Rang ein, der ihnen nach der Bedeutung ihrer Werke zusteht. Lothar Quinkenstein, Übersetzer polnischer Literatur, Schriftsteller und Dozent am Collegium Polonicum in Słubice, möchte Leben und Werk dieser beiden herausragenden Autoren nahebringen und damit zugleich die Konturen einer Landschaft zeichnen, die durch den Zweiten Weltkrieg und die Schoa furchtbar verheert wurde.
Der Abend ist verbunden mit einer Spendenaktion zugunsten der Ukrainehilfe.
Die Spenden gehen an Ireneusz Gajlun (Przemyśl) und Kolja Shewchuk (Charkiw), die unermüdlich mit ihren Hilfstransporten in Dörfer an der Frontlinie unterwegs sind.

Vortrag, Lesung und bewegte Bilder mit Alexander Carstiuc, Jonas Empen, Anselm Meyer und Katrin Schuster. Ein Abend, der sich literarisch, visuell und kulinarisch mit der Ukraine auseinandersetzt. Im Mittelpunkt stehen Texte von Debora Vogel, Jurko Prochasko und weiteren Autor:innen, deren Werke zwischen Poesie, Essay und Zeitzeugenschaft changieren. Ergänzt wird das Programm durch filmische Elemente, die historische wie gegenwärtige Perspektiven auf das Land eröffnen. Wir werden außerdem live mit dem Psychoanalytiker, Übersetzer und Intellektuellen Jurko Prochasko sprechen, der sich derzeit in Lwiw befindet.
Für das leibliche Wohl ist gesorgt: Es gibt vegetarischen Borschtsch. Die Projektgruppe sammelt an diesem Abend Spenden für eine ukrainische Militäreinheit in Bachmut, zu der ein persönlicher Kontakt besteht. Die Unterstützung soll unmittelbar und gezielt denen zugutekommen, die sich dort unter schwierigsten Bedingungen zur Verteidigung ihres Landes einsetzen.

<<…dort liegt es wie ein Kater in der Sonne – jenes erwählte Land, diese merkwürdige Provinz, diese einmalige Stadt der Welt.>>
Bruno Schulz: Die Republik der Träume
Dem lyrischen Zyklus “Funken. Achtzehn Drohobyczer Gedichte” liegen vielschichtige Inspirationen zugrunde – eine mehr als zwanzigjährige Beschäftigung mit dem Prosawerk von Bruno Schulz, eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Deutungsansätzen sowie mehrere Besuche in Drohobycz (Westukraine), der „Hauptstadt“ der Schulz’schen Erzählungen, die in so einzigartiger Weise als literarische Zeugnisse eines „mitteleuropäischen Humanismus“ (Claudio Magris) zu uns sprechen.
Der Autor wird an dem Abend seinen Zyklus lesen und Einblicke in den Entstehungsprozess geben.
Lothar Quinkenstein – Übersetzer polnischer Literatur, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler. 1967 in Bayreuth geboren, aufgewachsen im Saarland, Studium der Germanistik und Ethnologie in Freiburg im Breisgau. Lebte 1994–2011 in Polen. Seit 2017 einer der Übersetzer der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ins Deutsche. Unterrichtet Interkulturelle Germanistik am Collegium Polonicum in Słubice. Lebt seit 2011 in Berlin.

Fundraiser-Vorlesung für das Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine
Unter dem Titel „Erinnerungen ans Yiddishland“ widmen sich Alexander Carstiuc, Jonas Empen, Jonathan Guggenberger, Anselm Meyer und Katrin Schuster Erzählungen, Berichten und Filmzeugnissen jüdischer Autoren und Autorinnen und lassen auf einer Reise von Odessa nach Lemberg/Lwiw eine Kulturlandschaft wiedererstehen, die unter den Trümmern des Ersten Weltkriegs, des deutschen Vernichtungsfeldzugs, der Shoah und den jüngsten Zerstörungen des russischen Angriffskriegs fast zur Gänze begraben scheint.
Kommt vorbei, bringt eure gut betuchten Freund:innen mit und helft uns dabei – nicht nur gedanklich, sondern ganz praktisch mit Geldspenden -, die Erinnerung an das Yiddishland zu erhalten.