Von Beginn war das im Jahre 1924 ins Leben gerufene Institut für Sozialforschung eine Einrichtung besonderen Charakters. Seine geistigen Ursprünge reichen zurück in die Erfahrungen der Schützengräben des Ersten Weltkriegs und die Tage der Novemberrevolution. Ein Institut, deren Vertreter trotz seiner gewaltsamen Schließung durch die Nationalsozialisten, trotz Verfolgung und Exil, ihre Tätigkeit unbeirrt fortsetzten. In der kalifornischen Emigration entstanden Werke von bleibender Bedeutung, darunter die Dialektik der Aufklärung


Unser Projekt nimmt das Jubiläum zum Anlass, in mehreren Veranstaltungen seine (jüdische) Geschichte, seine theoretischen Grundlagen und seine gegenwärtige Bedeutung zu beleuchten. Es soll aufzeigen, wie wichtig die am Institut entwickelte Gesellschaftstheorie und Forschung auch für die Analyse heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse ist.


Buchvorstellung und Diskussion mit Alexander Valerius.

Café Marx: So nannten Freunde wie Feinde das Institut für Sozialforschung flapsig. Und tatsächlich liegen die Anfänge der Kritischen Theorie und der Frankfurter Schule in einer Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Philipp Lenhard erzählt auf einer breiten Quellengrundlage die Geschichte der Personen, Netzwerke, Ideen und Orte, die das Institut geprägt haben und ihrerseits von ihm geformt wurden. So wird anschaulich greifbar, warum die Frankfurter Schule wie keine zweite die großen intellektuellen Debatten des 20. Jahrhunderts bestimmt hat.

Diese Veranstaltung wurde gefördert vom Aktionsfonds zur Unterstützung von Projekten gegen Antisemitismus.

“Warum wurde ich weder Getreidehändler noch Playboy?“ Memoiren samt Kommentar.

Felix José Weil (1898-1975) ist gemeinhin als Initiator des Instituts für Sozialforschung, Mäzen, Freund berühmter Denker, vielleicht noch als Verleger bekannt; als Wissenschaftler wird er hingegen selten genannt. Dabei hat der in Argentinien als Sohn deutscher Juden geborene Weil während eines ereignisreichen Lebens auf drei Kontinenten ein wirtschafts- und politikwissenschaftliches Werk hinterlassen, das auf vielfältige Weise mit der Entwicklung der Kritischen Theorie verbunden ist.

Alexander Valerius und Katrin Schuster gehen an diesem Abend Weils unterschiedlichen Spuren nach – entlang seiner bisher weitgehend unveröffentlichten Memoiren, die Schuster teilweise vertont hat. Valerius vergleicht die widerspruchsvolle späte ‚Erzählung‘ Weils mit seiner ‚tatsächlichen‘ Biographie – und stellt ihn dabei auch als kritischen Denker in finsteren Zeiten vor.

Buchvorstellung.

Die Kritische Theorie erlangte in kaum einem Land außerhalb Deutschlands so große Aufmerksamkeit wie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Einflussreiche Zeitschriften wie Telos und New German Critique forcierten die intensive Rezeption der Schriften Theodor W. Adornos, Max Horkheimers und Herbert Marcuses just in dem Moment, als die US-amerikanische Neue Linke in eine fundamentale Krise geriet. In einigen Schlaglichtern widmet sich der Vortrag den Tiefendimensionen dieses Aneignungsprozesses, der sich als historische Entfaltung des von der Kritischen Theorie selbst antizipierten Problems ihrer Tradierung verstehen lässt: „Die Dokumente haben eine Geschichte, aber nicht die Theorie ein Schicksal“, schrieb Max Horkheimers 1937 in dem programmatischen Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“. Was dieser Satz im Hinblick auf das Nachleben der Kritischen Theorie in Amerika bedeuten kann, ist Gegenstand des Vortrages.

Buchvorstellung und Gespräch.

Der Geschichte der Kritischen Theorie etwas Neues abzutrotzen scheint angesichts der endlosen Regalmeter an Sekundärliteratur ein fast aussichtsloses Unterfangen. Mit »In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie« (Matthes & Seitz Berlin, 2022) legt Christian Voller jedoch einen Blick auf ihre Entstehungsgesichte frei, der bisherige Lesarten unterläuft, indem er ihre Ursprünge in die unruhige Zeit der frühen 1920er-Jahre vordatiert. Im Gespräch mit Iris Dankemeyer (»Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno«, Edition Tiamat 2021) gehen beide der Frage nach, wie sich Kritische Theorie jenseits etablierter Perspektiven und eingeschliffener Narrative auf eine Weise erzählen lässt, die ihren Anspruch auch in der Historisierung ernstnimmt.